80 km südlich von Berlin liegt das beschauliche Städtchen
Luckau. Eine ältere
Dame, welche ihre Kindheit und Jugend in der Gegend verbracht hatte,
erzählte
mir vor längerer Zeit, welches Bild sich ihrem Vater am 11. 11.
1938 in Luckau bot. Die Textilgeschäfte
der jüdischen Inhaber Hohenstein und Simon waren zerstört worden.
Die Waren und ihre persönlichen Sachen lagen auf der Straße.
Also hatte sich auch hier der Zorn gegen das »jüdische Verbrechertum« entladen.
Wer waren diese Menschen und was ist ihnen widerfahren? 61 Jahre nach
Kriegsende begann die Spurensuche. Mein erster Weg führte in das
Niederlausitz-Museum Luckau. Hier findet sich eine Vitrine mit Ausstellungsstücken,
die über
das Schicksal des jüdischen Arbeiters David Tasselkraut Auskunft geben.
Er war in der Ortsgruppe der SPD in Luckau organisiert und auch Mitglied der
Reichsbanner-Organisation gewesen. Ende der achtziger Jahre erschienen im
Luckauer Heimatkalender Beiträge über
das Schicksal jüdischer Bürger. Hier stieß ich wieder auf die
Namen Simon, Hohenstein, Tasselkraut sowie Neumann und Weinberg. Recherchen
in den Archiven und in den Gedenkbüchern für die Opfer der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ergaben, dass weit mehr Opfer zu
beklagen sind. Das liegt auch daran, das sich mein Fokus nicht allein auf jüdische
Bürger richtete,
die in der Vorkriegszeit in Luckau lebten, sondern in und um Luckau geboren
wurden. Nicht einbezogen wurden Juden, die sich zur Zeit der Volkszählung
im Mai 1939 im Zuchthaus Luckau befanden und dort automatisch ihre Meldeadresse
hatten.
Viel Aufschluss erhoffte ich mir von der 2000 erschienenen Autobiografie
von Johanna Tuliszka. 1937 kam sie als Vierzehnjährige mit ihrer Familie
nach Luckau. Trotz der fotografischen und minutiösen Erinnerungsgabe sind
die Vorgänge im November 1938 jedoch ausgeblendet. Zwischen dem Führerinnen-Lager
der BDM Mädel im Sommer und dem Schlittenfahren in den Weihnachtsferien
gab es keine nennenswerten Ereignisse. Auch die große „Protestkundgebung” am
10. 11. 38 und die darauf folgende Zerstörung der jüdischen Geschäfte
nahm sie nicht wahr. Wahrscheinlich symptomatisch für diese Generation.
Der stillschweigenden Wahrnehmung folgt auch später keine Aufarbeitung.
Victor Klemperer formulierte es im Dezember 1939 in seinem Tagebuch: „Die
Pogrome im November 38 haben, glaube ich, weniger Eindruck auf das Volk gemacht
als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten”.
Bisher ließ sich nicht erkennen, dass jüdische Familien über
Generationen in Luckau lebten. Da die jüdische Bevölkerung immer
schon unter Edikten, Reglementierungen und Vertreibungen zu leiden hatte, waren
sie gezwungener Maßen
Ortswechseln unterworfen. Auch ihr verordnetes eingeschränktes Berufsfeld
- sie waren hauptsächlich als Kaufleute tätig - zwang die Familien
häufig
umzuziehen, um ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Luckau hatte im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts durchschnittlich 5000 Einwohner, dadurch ergaben
sich natürlich begrenzte Marktchancen.
Der anfängliche Gedanke, sich auf die Geschichte der Luckauer Juden des
20. Jahrhunderts zu beschränken, wurde im Laufe der Recherchen hinfällig.
Mit dem Wissen um jüdische
Vergangenheit in Luckau kam zwangsläufig auch die Neugierde, frühere
Spuren zu finden. Die Dokumentation gliedert sich nun in 5 Bereiche. Obwohl
sich die Grenzen der Mark Brandenburg und der Lausitzer Mark durch die Machtverhältnisse
in den Jahrhunderten immer wieder veränderten und zeitweise auch ineinander übergingen,
habe ich die Länder thematisch getrennt. Teil 1 behandelt die Geschichte
der Juden in der Mark Brandenburg und dem späteren Preußen vom 12.-19.
Jahrhundert. Hier habe ich mich auf Berlin, die Mittelmark und die Altmark
konzentriert. Teil 2 behandelt die Geschichte der Juden in der Lausitzer Mark
und der späteren
Niederlausitz vom 13.-19. Jahrhundert. Die beiden ersten Teile können
natürlich
nur einen Abriss der Geschichte wiedergeben, da der Umfang diesen Rahmen übersteigen
würde. In
Teil 3 geht es ausschließlich um die jüdische Bevölkerungsentwicklung
in Luckau und den dazu gehörenden Gemeinden im 19. Jahrhundert. Teil 4
beinhaltet statistische Angaben und die politische Entwicklung bis zum Beginn
der Deportationen. Im 5.
Teil sind alle ermittelten Opfer der NS-Zeit erfasst, die im Landkreis Luckau
geboren wurden oder bis zur Vertreibung und Deportation dort lebten. Diesbezüglich
ist es nicht auszuschliessen, dass Personen nicht ermittelt werden konnten.
Wenn im Landkreis Luckau lebende Juden hier nicht geboren wurden und infolge
der Pogrome die Gegend verließen, lässt sich später kein Zusammenhang
herstellen. Meldeunterlagen sind nicht mehr vorhanden.
Wenn Sie Hinweise oder Informationen geben können, würde ich mich freuen, wenn Sie sich mit mir in Verbindung setzen würden.
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Die vorliegende Arbeit wäre ohne
die Informationen kompetenter Fachleute nicht möglich gewesen. Mein Dank gilt
folgenden Personen:
Den Mitarbeiterinnen der Standesämter Heideblick, Luckau, Lübben und Teupitz
Frau Monika Liebscher von der Gedenkstätte Sachsenhausen Frau Dr. Monika Nakath und Frau Katrin Grün vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam und Frau Kathrin Schröder Außenstelle Lübben Herr Thomas Mietk vom Kreisarchiv in Lübben Frau Völschow und Frau Lahn vom Bundesarchiv in Berlin
Frau Dr. Karoline Tschuggnall Lektorin Herr Christian Carlsen, Historiker Berlin
Frau Equitz vom Niederlausitz-Museums in Luckau und
Frau Tuček, Leiterin des Niederlausitz-Museum in Luckau, für ihre Unterstützung,
insbesondere die langen Gespräche und ihren lektorischen Beistand.
Mein besonderer Dank gilt den Nachfahren der Opfer:
Julien Hamburger, New York
René
Hohenstein, Cochabamba, Bolivien
Karl-Heinz Tasselkraut, Berlin Charles Leigh, Broadstairs England
David Klaus Oppenheim, Los Angeles, Kalifornien Gideon Argon, Kfar Saba, Israel
Nicht unerwähnt möchte ich Behörden und Institutionen lassen, welche sich nicht kooperativ zeigten. Das Standesamt und der Bürgermeister der Stadt Bad Muskau vertreten die Auffassung, dass diese Arbeit privaten und nicht heimatkundlichen Charakter hätte. Die geforderten Gebühren sind, da das Projekt keine finanzielle Unterstützung erfährt, indiskutabel.
Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide reagiert auf Anfragen gar nicht. |